Die neue Platia in Paleo Karlovasi

Endlich! Nach einer sehr langen Umbauphase hat das neue Akamatra* auf dem alten Dorfplatz in Paleo Karlovasi geöffnet - gegenüber dem legendären Kafenion mit dem gleichen Namen. Der beschauliche Platz, der die beiden Treppenwege von Limani und Meseo Karlovasi verbindet, wurde Jahrzehnte lang zugeparkt und dadurch seines eigentlichen kommunikativen Charakters beraubt. Dank der beharrlichen Initiative der neuen Tavernenbetreiber sowie etlicher Bürger sind die parkenden Autos vertrieben und durch gemütliche Stühle und Tische ersetzt worden und der kleine Platz erstrahlt in seinem alten Charme.

An einem regnerischen Frühjahrsabend hörten wir in der Taverne "Kerkis" zum ersten Mal von dem Projekt vor unserer Haustür. Natürlich waren wir sofort Feuer und Flamme, konnten es uns aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie es gelingen solle, den Platz von den Mülltonnen und vor allem den Dauerparkern zu befreien. Unter Mithilfe einiger honoriger Familienmitglieder und einflussreicher Freunde erwirkten Kostas und Frida neben der Schankerlaubnis auch die Genehmigung zur Bewirtschaftung des Außenraums auf der Platia, wie es auf einer verblichenen Aufnahme aus den 60er-Jahren festgehalten war.

Zunächst gab es viel Zuspruch, aber auch Gemaule von Anwohnern. Man befürchtete eine erhöhte Lärmbelästigung von feiernden Gästen und durch ein erhöhtes Mopedaufkommen. Natürlich war auch der bedrohte Parkraum ein Thema. Die jungen und sehr freundlichen Wirtsleute redeten mit allen Nachbarn, zerstreuten Befürchtungen und zeigten auf, wie alle von dem neuen Platz gewinnen könnten. Das ist nun Schnee von gestern und die Nachbarn sind längst zufriedene Stammgäste und Stolz auf ihre neue Platia - vielleicht eine der schönsten auf der ganzen Insel. Und im Winter, wenn der Außenbetrieb des Akamatra ruht, dürfen sie dort vorübergehend wieder ihre Blechkisten abstellen.

Das Auto hat auch unser Dorf verändert, schon vor Jahrzehnten. Erst waren es nur wenige, aber als die neue Asphaltstraße fertiggestellt war, die sich in abenteuerlichen Kurven nach oben schlängelt, änderte sich das schnell. So ein Auto beansprucht auch Raum. Raum, der vorher anders genutzt wurde. Und wenn der Dorfladen oder das Kafenion mangels Nachfrage und Kunden aufgegeben wurden, entstand auf der Fläche unter der Platane am alten Brunnenhaus, wo früher die Rentner auf wackeligen Stühlen und Tischen Tavli spielten, schnöder Parkraum.
So ein Auto will auch bewegt werden. Plötzlich macht es Sinn, zum Einkaufen hinunter zu fahren, anstatt zum Dorfladen zu gehen. Zudem das Toilettenpapier oder das Katzenfutter gerade im Angebot ist.

Die Menschen wurden auto-mobil und vergaßen die alten Plätze und vor allem die Fußwege, die sie früher benutzten. „Καλύτερα άσχημα οδηγημένος παρά καλά περπατημένος.“ Besser schlecht gefahren als gut gelaufen.

Das trifft aber nicht auf alle zu. Unter den Dorfbewohnern gibt es auch passionierte Fußgänger, die die beiden Treppenwege täglich benutzen. Jannis, der Mann von Maria zur Linken, kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Weg zum oder vom Hafen begegnen. Er hat dort einen wichtigen Job. Er vertaut alle ein- und auslaufenden Fähren und Frachter. Die kommen nicht immer pünktlich, haben bei stürmischer See oftmals stundenlange Verspätungen. In solchen Fällen ist er telefonisch mit der Hafenpolizei verbunden. Die halten ihn auf dem Laufenden, wann der Bummelant zu erwarten ist. In genau 7 Minuten sei er über den Treppenweg im Hafen. Das ist nicht mal mit dem Moped zu toppen, geschweige denn mit einem Auto. Vor ein paar Jahren wurde der Weg genau in der Mitte durch einen Murenabgang verschüttet und gesperrt. Jannis musste für Wochen mit einem Moped über die kurvenreiche Asphaltstraße gurken. Das hat ihn damals viel Zeit gekostet, Zeit, die er lieber für seine Ziegen und seine Gemüsefelder aufgebracht hätte.    

 

Ein anderer leidenschaftlicher Fußgänger ist Papa Lex, eigentlich Papa Alexandros. Man trifft den 92-jährigen Popen außer Dienst alle Nase lang. Am häufigsten begegnen wir uns auf dem holprigen Weg zum Friedhof. Er kommt oder geht gemeinhin von oder zu seinen beiden Ziegen, die er oberhalb einer verlassenen Kapelle untergebracht hat. Wir gehen dann meist eine kleine Wegstrecke gemeinsam und unterhalten uns über Gott und die Welt. Normalerweise hat er ein altes tragbares Transistorradio unterm Arm, aus dem orthodoxe Liturgie piepst. Der Langwellensender verschwindet ab und an in einem kurzen göttlichen Rauschen. Papa Lex dreht dann ein wenig seinen mageren Oberkörper, bis der Singsang wieder aus dem Rauschen auftaucht. Dann lächelt er über seinen langen zweigeteilten Bart und seine Äuglein funkeln. Er brauche keine Kirche und auch keine Kapelle mit verräucherter Kerzenluft. So könne er - Papa Lex lugt auf seine linke Armbeuge - immer an der Liturgie teilnehmen. „Στη φύση και με τα πόδια.“ Draußen und zu Fuß, ein Gottesdienst-to-Go.

*es ist gar nicht so einfach, eine anständige Übersetzung für das Wort "Ακαμάτρα" zu bekommen. Wir haben viele gefragt und viele lustige Antworten bekommen. Es ist anscheinend ein spezielles Lebensgefühl, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. "Ακαμάτρα" ist eine Vorstellung vom gepflegten Müßiggang bis zum weinseligen Nichtstun - oder wie es ein Freund beschrieb "Ο Σαμιώτικος Παράδεισος" - paradiesische Urzustände auf Samos.

Jedenfalls findet sich das Wort oder der Wortstamm weder in unserem dicken Langenscheidt noch in einschlägigen Übersetzungs-Apps. Natürlich haben wir bei unseren gemeinsamen Spaziergängen auch Papa Lex gefragt. Er hatte nach wenigen Schritten eine durchaus plausible Erklärung parat: 
Als er jung war, hätte man Studenten, die das schummerige Licht verräucherter Tavernen den Hörsälen vorzogen, als "Ακαμμάτρας" beschimpft. Er wäre auch kein Kind von Traurigkeit gewesen, fügte er verschmitzt hinzu.

Es gäbe da noch eine ziemlich profane Erklärung. "Ακαμάτρα" ist auch ein bekanntes Bergdorf auf Ikaria. Vielleicht stammt der Tavernengründer, ein Γ. ΖΑΓΚΑΣ von dort. 
Falls jemand noch eine profundere Übersetzung für uns hat, wären wir für eine Mail dankbar: mail@samos.blog.

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